„They make a party, when I’m dead“

So sagt Banga und lacht. Sonst lacht er selten, sonst sitzt oder steht er bewegungslos da und lauscht oder geht nach innen. Banga ist blind und „wohnt“ in einem Asylbewerberheim in Gerstungen/Thüringen an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

Er wurde 2004 von der Düsseldorfer Polizei festgenommen, zusammengeschlagen und mit Pfefferspray besprüht, als er sich zur Wehr setzte. Zwei Männer mit Drogen in der Tasche hatten der Polizei ihn als ihren Drogendealer angegeben, um sich selbst reinzuwaschen. Das Pfefferspray setzte sich tief in das linke Auge fest und zerstörte dessen Sehkraft. Im Aachener Krankenhaus operierte man vergeblich. Banga wurde verurteilt und musste für über ein Jahr ins Gefängnis. Die verantwortlichen Polizisten sagten vor Gericht aus, sie hätten nichts gemacht.

Nach seiner Gefängnisstrafe entfernte man das verletzte Auge. Banga wurde nach Gerstungen „verteilt“. 2008 mußte er wieder für zwei Monate ins Gefängnis, weil er mal umsonst mit der Bahn gefahren war.

Im April 2009 wurde ihm Diabetes diagnostiziert. Sie wirkte sich auf die Sehkraft des verbleibenden rechten Auges aus. Im Krankenhaus in Suhl sagte ihm der Arzt, er müsse das Auge operieren. Das lehnte Banga ab, weil ihm keine Garantie dafür gegeben werden konnte, dass er danach besser oder überhaupt noch sehen würde können. Er wurde dennoch nach Erlangen überwiesen. Dort wurde er am 12.Mai 2009 zum ersten Mal am rechten Auge operiert. Nach dieser Operation war er vollständig blind. Der Arzt meinte, das wird schon wieder. Er wurde wieder ins Suhler Krankenhaus gebracht und dort einen Monat beobachtet. Am 20.November operierte man ihn in Erlangen ein zweites Mal – ohne dass er die Sehkraft zurückbekam. Er ist nun seit 1 ½ Jahren vollständig blind.

Am 24.Juni in diesem Jahr sollte er nach Erlangen kommen wegen einer Hornhauttransplantation. Als er aber dort ankam, hieß es, er müsse noch warten.

„Ausländerbehörde are hard people, they don’t care about me. I sit here the whole day. They want me to die, then they make party,“ sagt er. Er erzählt, dass er kürzlich in der Toilette ausrutschte und seine Nase verletzte und das Blut herausströmen fühlte. Er wollte, dass ein Arzt kommt, doch die Sozialarbeiterin meinte, er würde keinen Arzt brauchen. Er hat keinen Blindenstock zur Verfügung gestellt bekommen sowie kein Mobilitätstraining, das ihn lehren würde, sich in seiner Umgebung zurechtzufinden. Abgesehen von den Krankenhaus-Aufenthalten, die sehr ambivalent zu bewerten sind, wird er in dem Zustand allein gelassen.

Banga kommt aus Sierra Leone. Er sagt, der Bürgerkrieg kam in seinen Heimatort Kono, als er 15 Jahre alt war. Mehr sagt er nicht darüber. So wie viele Sierraleonier, die hier leben, wollte er in die Zukunft blicken, sein Leben in den Griff bekommen und die Erinnerungen hinter sich lassen. Er hatte seine gesamte Familie aus den Augen verloren, er weiß nicht, ob sie überhaupt noch leben.

Statt Mitgefühl erfährt er Kontrolle und die Androhung von Abschiebung – die bereits vollzogen worden wäre, hätte ein ärztliches Attest ihn nicht davor bewahrt – und weiteren Gefängnisaufenthalten. Und die Menschen, die ihm Mitgefühl und Solidarität entgegenbringen, bekommen Hausverbot.

Als wir – drei Leute von „The Voice“ aus Jena und drei Leute von der Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge aus Berlin – gerade angekommen waren, um ihn zu besuchen, kam die Sozialarbeiterin herein und fragte: „Sind Sie aus Jena?“ Als wir dies vage bejahten, bat sie uns lächelnd zu gehen, da die Leute aus Jena Hausverbot hätten.

Die Selbstorganisation von Flüchtlingen „The Voice“ kämpft für die Schließung dieses Heims in Gerstungen. Wir konnten uns jetzt alle ein Bild machen von dem beklagenswerten Zustand, in dem sich dieses Heim befindet. Kein Deutscher würde es unter diesen Umständen dort lange aushalten. Jeden Tag Anwesenheitskontrolle. Keine Privatsphäre für Ehepaare. Sanitäre Anlagen in schlechtem Zustand – Schimmel, im dunklen Keller gelegene Duschen, abbröckelnde Verkleidungen, keine Schlösser an den Toilettentüren, etc. Das ganze Heim fühlt sich feucht und kalt an. Heizung wird noch nicht angestellt in den kalten Herbstnächten. Warmwasser wird um 22 Uhr abgeschaltet. Das Wohnheim liegt fern von jeglicher größeren Stadt, in der sich Beratungsstellen oder Anwälte oder die eigenen Communities befinden könnten. Kosovo-Albaner, Iraker, Vietnamesen, Afrikaner zusammen auf engem Raum und die einzige Verständigungssprache ist Deutsch, aber es gibt keine Deutschkurse.

Aber nicht nur die Schließung von diesem Heim liegt „The Voice“ am Herzen: Sie setzen sich dafür ein, dass kein Mensch, der dieses Land betritt, mehr illegal genannt und so behandelt wird. Dass Asylbewerber und Geduldete nicht mehr in Isolation und ständiger Angst vor Abschiebung leben müssen, sondern die Chance bekommen, sich ihren eigenen Platz in dieser Gesellschaft zu schaffen, mittendrin. Daran hindern sie eine ganze Anzahl von Gesetzen, worunter das Gesetz, als Asylbewerber den LANDKREIS nur mit Erlaubnis der Ausländerbehörde verlassen zu dürfen – und diese wird selten erteilt – wohl den Vogel abschießt unter den Integrationskillern.

Solidarität soll nicht sein im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat, aber keine Angst, das wäre auch in Westdeutschland nicht gern gesehen – nur würde dort die Polizei noch massiver eingreifen als im verschlafenen Gerstungen. Ja, die Polizei kam und nahm die Personalien von zwei Berlinern und einer Jenaerin auf. Unser Video, auf dem sich die Ankunft der Polizei befand, musste vor ihren Augen gelöscht werden.

Beim Schreiben stelle ich fest, wie viele Ausdrücke im Deutschen mit „sehen“ und „Augen“ gebildet werden, und wie immens wichtig uns das Augenlicht ist. Man stelle sich vor, das Sehvermögen in einem fremden Land zu verlieren, in dem die meisten Menschen und vor allem die machthabenden Autoritäten einen nicht nur nicht wollen, sondern sogar die Blindheit straflos mit verursacht haben! Man stelle sich vor, nicht in der Lage zu sein, die Voraussetzungen dafür schaffen zu können, dass man mit der Blindheit fertig wird!

Aber es gibt Hoffnung – und zwar hat sich durch die Vermittlung eines The Voice nahe stehenden Ehepaars ein Augenarzt bereit erklärt, Banga erneut zu untersuchen und eine Hornhauttransplantation in die Wege zu leiten. Wir haben ihm einen Rechtsanwalt vermittelt, der dafür kämpfen wird, dass Banga die ihm zustehende Aufenthaltserlaubnis bekommt. Und dafür, dass die Polizisten, die ihm das angetan haben, verurteilt werden.